Wer stört das Wild?


Aus der Allgemeinen Forst Zeitschrift, Heft 15/2000, S. 810-812

Rehwild-Modellversuch Laab

Die wissenschaftliche Untersuchung von Prof. Reimoser u. a. beschäftigt sich mit der effektiven Bekämpfung des Rehwildes in einem Revier bei Laab im Wiener Wald (direkt an der Stadtgrenze von Wien), wo es hohe Schäden an jungen Bäumen anrichtete.
"Das 241 ha große Rehrevier wurde vom langjährigen Pächter aufgrund des stark verminderten Jagderfolges nach erfolgter Wildstandsreduktion und der sehr häufigen Störungen durch Jogger, Mountainbiker, Reiter und Wanderer nicht mehr gepachtet. Ein anderer Pächter konnte nicht gefunden werden [...]. Aus forstlicher Sicht litten vor allem die jungen Eichen trotz des bereits reduzierten Wildbestandes unter untragbaren Verbissschäden durch Rehe." (S. 810)
Die Eigentümerin des Reviers, die Österreichische Bundesforste AG, beabsichtigte die weitere Senkung des Rehwildbestandes unter wissenschaftlicher Begleitung durch das Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Es wurde über viele Details Buch geführt, z. B. über Störungen des Wildes:
"Von den insgesamt 50 Fällen, in denen eine Flucht der Rehe während der Jagd beobachtet werden konnte, wurden 94% vom Jäger, 4% von Touristen und 2% durch forstliche Aktivitäten ausgelöst." (S. 811)
Während der Versuchzeit 1993 bis 1998 wurde das Rehwild verstärkt bejagt (in einem Jahr bis zu 16 Stück auf 100 ha), so dass Jäger aus den umliegenden Revieren schon von "Ausrottung" sprachen. Diese Beschwerde ist unbegründet: Im Durchschnitt der Jahre war der Abschuss im Versuchsrevier nicht höher als in den umliegenden Revieren.

Der Rehbestand nahm letztlich nicht ab, trotzdem nahmen die Verbissschäden ab. Dieses Paradoxon klärt sich so auf:

  1. Die Störung des Wildes durch die Jagd wurde dadurch reduziert, dass kurz und intervallweise gejagt wurde, also nicht die sonst übliche Dauerbelagerung des Wildes von allen Hochsitzen aus betrieben wurde.
  2. Das Wild wurde dort bejagt, wo es die höchsten Schäden – auf den Flächen mit jungen Bäumen – anrichtete, und es wurde vermieden, durch Fütterung das Wild noch verstärkt dorthin zu locken. Bejagung auf Wiesen, dem natürlichen Futterplatz der Rehe, wurde möglichst vermieden.
Unverständlich ist die Behauptung, dass "ein großer Teil des Reviers praktisch nicht bejagbar ist" (S. 811) wegen der vielen Spaziergänger, die den Jäger in Gespräche verwickeln, wenn er auf dem Hochsitz ist, oder ihn auf andere Weise vom Schießen abhalten: Die Streckenergebnisse und der Erfolg in der Verminderung der Wildschäden sprechen dagegen. Es geht wohl – wie immer – nicht um die Jagd, sondern um die Bequemlichkeit bei der Jagd. Der ehemalige Pächter, der keinen Bock mehr hatte, hätte dieselben Erfolge erzielen können, wenn er nicht nur an den trophäentragenden Böcken interessiert gewesen wäre.

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Aus der Zeitschrift für Jagdwissenschaft, 21. Jahrgang (1975), S. 50-63

Die Auswirkungen der zunehmenden Inanspruchnahme des Waldes durch die erholungsuchende Bevölkerung auf das Verhalten des Wildes und die Bejagungsmöglichkeiten der Wildbestände

Die Autoren, Ueckermann, Goepel u. a., befragten 54 Forstämter in Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen über bestimmte Entwicklungen im Zeitraum 1960 bis 1970. Die Zahl der im Wald Erholung suchenden Spaziergänger und Reiter hatte stark zugenommen.

1. Spaziergänger. Das Wild reagierte nach Aussage der Forstämter auf Spaziergänger unterschiedlich: Rotwild bliebe tagsüber länger in seinen Einständen versteckt und trete erst bei fortgeschrittener Dämmerung aus. Beim Muffel- und Damwild wurde dagegen von einer gewissen Vertrautheit oder sogar Neugier der Tiere gegenüber den Spaziergängern gesprochen. Zum Schwarz- und Rehwild gab es widersprechende Aussagen.

2. Reiter. "Differenzierter müssen die Verhältnisse bei den Reitern gesehen werden. Einzelreiter stören, wenn ruhig geritten wird, nach einer kurzen Gewöhnungszeit nicht. Mehrfach konnte der Hinweis gefunden werden, daß offenbar nur das Pferd, aber nicht der Reiter selbst, vom Wild wahrgenommen wird. So ist es z. B. möglich, Damwild an den Fütterungen anzureiten. Beim Muffelwild tritt die Neugier gegenüber Reitern besonders hervor. Mitgeteilt wird u. a. auch, daß sich das Wild im Einzelfall dem Reiter gegenüber vertrauter als gegenüber dem Spaziergänger zeigt. Unruhig wird das Wild, wenn sich Reiterpulks in schneller Gangart durch das  Revier bewegen, auch dann, wenn die gewohnten Reitwege benutzt werden." (S. 56)

Zusammenfassung:

"Trotz der nachgewiesenen starken Zunahme der Besucherzahl änderten sich die Abschußergebnisse für viele Wildarten nicht nennenswert, weitgehend war eine steigende [!] Tendenz gegeben. [...] eine geregelte und erfolgreiche Jagdausübung [ist] möglich". (S. 62)
Diese Sätze wurden vor über 30 Jahren geschrieben. Seitdem sind die Abschussergebnisse noch weiter gestiegen, trotz der ach so vielen Pilzesammler, Jogger, Mountainbiker und Reiter.

Der Reiterhof Brammer in Severloh inmitten des Naturparks Südheide wirbt mit dem Satz: Hier "kommt das Wild bis vor Ihre Tür."

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Arbeitsgemeinschaft Naturnahe Jagd Norddeutschland:

Nachtjagd deutlich einschränken

Unser Wild braucht mehr Ruhe vor dem Jäger!

Auf Anfrage der Jagdzeitschrift 'Die Pirsch' stellt die Arbeitsgemeinschaft Naturnahe Jagd klar, das eine Bejagung von Wild zur Nachtzeit weitestgehend abgelehnt wird. Die Nachtzeit ist bei uns die einzige Tagesperiode, in der unser heimisches Wild den schützenden Wald verlassen kann, sofern nicht Jäger auf den Hochständen am Waldrand lauern. Nur bei ausreichend periodischen und täglichen Ruhephasen wird es dem Wild möglich sein, den gegeben Lebensraum optimal zu nutzen. Wildschäden im Wald können reduziert werden.

Unsere heimischen Wildtiere haben nicht grundsätzlich Angst vor dem Menschen. Erst die Verfolgung durch uns Jäger führt bei den Tieren zur Scheu und damit zu geändertem Verhalten im Lebensraum. Zahlreiche Studien belegen dies. So konnte nachgewiesen werden, das selbst das Standorttreue Rehwild beliebte Wechsel oder Äsungsflächen an häufig frequentierten Jagdständen meidet oder nur zu Zeiten nutzt, in denen der Jäger üblicherweise nicht anwesend ist. Wer an einer schmackhaften Wildwiese kein Rehwild mehr zu Sehen bekommt, sollte mal außerhalb der üblichen Jagdzeiten sein Glück versuchen, zum Beispiel mittags und möglichst nicht von der bekannten Kanzel. Die Ergebnisse sind erstaunlich!

Jogger, Wanderer, Pferde oder Mofas beunruhigen unser Wild im übrigen weitaus weniger als der schleichende oder ansitzende Jäger. Stark beanspruchte Erholungsgebiete oder Nationalparke zeigen, das unsere Wildtiere sehr genau erkennen, wer ihnen wann gefährlich werden kann. Es ist in etwa so wie mit dem satten Löwen in der Zebraherde!

Ein Verbot der Nachtjagd auf alle Wildtiere ist wünschenswert. Der Hirsch im Feld erkennt nicht, ob der Jäger wohl nur einen Fuchs erlegen will. Auch die Kirrjagd auf die Schwarzkittel beunruhigt Reh, Hirsch und Hase ebenso.

Dennoch wird auf die Nachtjagd im Feld (und eben nur im Feld!) nicht vollständig verzichtet werden können. Schwarz-, Rot- und Damwild können dort zur Nachtzeit erhebliche Schäden anrichten. Dann, und nur dann, erscheint eine Nachtjagd örtlich notwendig und zulässig. Um die Nachtjagd im Feld weitgehend zu reduzieren sollten Schutzvorrichtungen einer Bejagung vorgezogen werden. Zusätzlich müssen durch effektive Jagdmethoden in Herbst und Winter (Gemeinschaftsansitze; Drück- und Stöberjagden) die Wildbestände rechtzeitig bejagt werden. Dies erfordert großzügige Freigaben (z. B. beim Rot- oder Damwild nur nach Altersklassen ohne Rücksicht auf die Trophäe oder auch die Freigabe des männlichen Rehwildes). Ferner sollten die Nachtansitze ebenfalls in Gruppen erfolgen. So kann die Jagd erfolgreich sein und auf wenige Tage beschränkt bleiben.

Zusammenfassend lehnt die ANJN eine Bejagung unserer Wildtiere zur Nachtzeit ab! Ausnahmen bei Wildschäden im Feld, und nur dort, müssen als Kompromiß akzeptiert werden. Bei der Umsetzung setzt die ANJN auf die Freiwilligkeit der Jäger. Bürokratische Kontrollen sollten unterbleiben. Eine Aufnahme des Nachtjagdverbotes im Wald in ein neu gefaßtes Bundesjagdgesetz wäre wünschenswert. Der beste Lohn für alle Revierinhaber wird bei konsequenter Umsetzung sein, das das Wild bei verringertem Jagddruck wieder deutlich besser sichtbar wird. Dies allein sollte Anreiz genug sein.

Stephan Boschen, Arbeitsgemeinschaft Naturnahe Jagd Norddeutschland e.V.

Postfach 2225
37012 Göttingen
Tel. 0172 / 9000364
stephan.boschen@gmx.de
http://www.anjn.de

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Streitgespräch zwischen dem Öko-Jäger Wilhelm Bode und dem Präsidenten der bayrischen Landesjägerschaft, Jürgen Vocke, Spiegel, Heft 26/1998, S. 147

"Rehe sind keine Pappkameraden"

"Vocke: Durch die Störungen der Freizeitgesellschaft wird die Erfüllung der Abschußquote immer schwieriger. Vor allem in großstadtnahen Wäldern haben wir an manchen Tagen eine größere Menschendichte als am Stachus in München. Das scheue Reh ist deshalb größtenteils zum Nachtwild geworden, und nachts ist die Jagd aus Tierschutzgründen verboten.

SPIEGEL: Sie wollen alle Freizeitsportler aus dem Wald werfen?

Vocke: Nein, wir wollen niemanden aussperren. Ich meine nur, wir sollten aufeinander Rücksicht nehmen. Die Gesellschaft erwartet zu Recht, daß wir die Wildbestände bejagen. Dann muß uns die Gesellschaft aber auch die Möglichkeit dazu lassen. Selbst große Naturschutzverbände fordern Ruhe- und Tabuzonen für die Tierwelt. Muß es wirklich sein, daß spätabends Jogger durch den Wald rennen oder in der Dämmerung die Pferde ausgeritten werden? Dann springt das Wild ab, und der Abend ist gelaufen.

Bode: Dummes Zeug, kein Reh fühlt sich durch ein Pferd gestört. Der Hauptstörenfried ist der Jäger selbst. Erst durch die fast ganzjährige, ineffiziente Bejagung ist das von Geburt tagaktive Reh zum Nachttier geworden. Überall dort, wo die Jagd nicht ausgeübt wird, werden die hochsensiblen Tiere nach ganz kurzer Zeit trotz höchster Besucherdichte fast handzahm und lassen Menschen bis auf wenige Meter an sich herankommen. Wildbiologen nennen das den Nationalparkeffekt.

Vocke: Ich kenne dafür den Begriff Verhausschweinung."

 

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Interview mit Prof. Reichholf im Spiegel, Heft 50/2000, S. 258

"Verbotsschilder abbauen"

Prof. Reichholf ist Biologe bei der Zoologischen Staatssammlung München und im Vorstand des WWF Deutschland.

„SPIEGEL: Hilft die Unterschutzstellung eines Gebietes denn nicht den dort lebenden Tieren und Pflanzen?

Reichholf: Im Gegenteil. Oft schadet der bei uns praktizierte Aussperr-Naturschutz den Tieren sogar. Denn Jäger, Fischer oder Forstwirte dürfen in Schutzgebieten meist weiter schalten und walten. Nur haben sie dort viel weniger Kontrolle durch die Öffentlichkeit als vorher zu befürchten, weil Wald und Flur ja nicht mehr für jedermann frei zugänglich sind.

SPIEGEL: Schrecken Ruderer, Reiter oder Radfahrer denn nicht die sensiblen Vögel auf?

Reichholf: Die von Freizeitsportlern oder anderen Erholungssuchenden ausgehende Störung ist in Wahrheit viel geringer als das, was die Jäger anrichten. Scheu werden Vögel erst durch Bejagung. Die Gänsesäger an der Isar zum Beispiel brüten in einem Gebiet, in dem im Sommer jede Woche viele hundert Boote den Fluss runterfahren. Im Sprachgebrauch der Ökologen lastet dort ein erheblicher ‘Erholungsdruck’ auf der Landschaft. Doch die Vögel sind überhaupt nicht scheu, weil sie im Menschen keinen Feind sehen. Gänsesäger sind bei uns nämlich vor Bejagung geschützt. Bootsfahrer und Spaziergänger am Ufer stören sie nicht. Die Vögel ziehen dort sogar so erfolgreich ihre Jungen hoch, dass die Fischerei sie schon wieder abgeschossen haben will.

SPIEGEL: Also werden Freizeitsportler von Tieren an sich nicht als Bedrohung empfunden?

Reichholf: Nein. Das beste Beispiel dafür sind die Städte, die inzwischen einen Artenreichtum aufweisen, der den mancher erstklassiger Naturschutzgebiete weit übertrifft. Insgesamt haben Städte inzwischen eine vergleichbare Bedeutung für die Erhaltung der Artenvielfalt wie Naturschutzgebiete. In Berlin zum Beispiel leben zwei Drittel aller Vogelarten, die es überhaupt in Deutschland gibt. Und warum? Weil sie dort nicht vom Menschen verfolgt werden.“

Das vollständige Interview: http://wissen.spiegel.de

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Oberforstmeister Wilhelm Koch, Die Jagd in Vergangenheit und Gegenwart, Stuttgart 1961

Wildtiere in der Stadt

"Der Jäger ist des Hasen schlimmster Feind; alle übrigen zahlreichen Feinde vermögen einen Hasenbesatz nicht so zu mindern wie dauernde und übermäßige Bejagung." (S. 60) "Auf großen Friedhöfen am Rand der Städte, ja selbst in größeren Parkanlagen innerhalb der Großstädte leben oft erstaunlich viele Hasen. Trotz aller Hunde und Katzen! Hier scheidet ja der Mensch, der Hauptfeind des Hasen, wegen des Jagdverbotes aus." (S. 62)

"Baggerseen geben heute den Wasservögeln neuen Lebensraum. Fütterungen auf den Anlagenseen größerer Städte erleichtern den Vögeln das Überwintern. Aber seltsam, derselbe Vogel, der inmitten der Großstadt das Futter buchstäblich aus der Hand nimmt, hält draußen eine sehr große Fluchtdistanz ein, eine Erscheinung, die mit der bekannten Klugheit der Entenvögel nicht allein zu erklären ist!" (S. 73)

Der Fischreiher: "Heute wird er als Fischereischädling an manchen Orten schonungslos verfolgt. Der Vogel, der bei uns wegen der Belästigung durch 'Auch-Naturfreunde' und sogenannte Tierphotographen seine Kolonien aufgibt oder verlegt, brütet inmitten der Großstadt Rotterdam." (S. 73) Also vor sogenannten Photographen ist der Fischreiher nach Rotterdam geflüchtet …?

Um "sogenannte Tierphotographen" besser vertreiben zu können, haben die Jäger nachträglich den § 19a in das Bundesjagdgesetz eingefügt.

"In Städten verändern Tiere ihr Verhalten. Der Seeadler ist eigentlich ein extrem scheues Tier. Nun brütet er in Berlin in der unmittelbaren Nähe des Menschen. Im Münchner Stadtgebiet ist es der seltene und eigentlich sehr störungsempfindliche Uhu, der seine Scheu verliert. Füchse jagen nicht mehr wie auf dem Land Mäuse, Wildschweine durchgraben nicht mehr im Wald den Boden, sondern Blumenbeete in Berlin. 'Jagdbares Wild bewegt sich unvorsichtiger als in freiem, außerstädtischem Gelände, weil es merkt, dass es in der Stadt nicht bejagt wird', sagt Anne Berger vom Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)." (Süddeutsche Zeitung, Die Wildsau in der Fußgängerzone)

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ARD exklusiv, 9. Jan. 2004

"Berlin: Hauptstadt der Schweine"

"Ganze Stadtviertel sind im Griff der wilden Sau. Bürger fühlen sich terrorisiert, Kleingärtner um die Früchte jahrelanger Arbeit gebracht, Förster sind auf dem Schlachtfeld der Schwarzkittel im Dauereinsatz, um aufgebrachte und verängstigte Anwohner zu beruhigen." (Textauszug vom WDR zur Wiederholung am 10. Juli 2004)

Aus "Die Pirsch/Der Deutsche Jäger", Heft 16/2000, S. 12 -13

"In der Hauptstadt gibt es ja nicht nur die Wildschweine in den Forsten, sondern es haben sich nach Angaben der Forstverwaltung drei besondere Verhaltensgruppen von Schwarzkitteln entwickelt, die den Lebensraum Wald längst verlassen haben: Es gibt die bereits in Wohngebieten geborenen 'Siedlungsschweine', berühmt sind auch die sogenannten 'Insel-Schweine' vom Tegeler See im Norden von Berlin, die von Insel zu Insel in der Havel schwimmen. Für Berlin-Besucher immer wieder bizarr sind die standorttreuen 'Streichelsauen' am Wannsee, die in freier Wildbahn leben, sich aber so an den Menschen gewöhnt haben, dass sie sich füttern und anfassen lassen und täglich hinter den Ausflugs-Restaurants die Mülltonnen nach  Nahrung  inspizieren. Selbst von jagdlich firmen Hunden lässt sich diese Verhaltensgruppe nicht aus der Ruhe bringen.
Diese drei Arten von Stadtschweinen sind vor dem Blattschuss so gut wie sicher. Sie leben als Kulturfolger bereits seit Generationen in den Wohngebieten, haben sich an Menschen und Hunde gewöhnt, nutzen Brennesselgestrüpp an Straßen als Tageseinstand. Immer wieder brechen Wildschweine in Landschaftsgärten, Friedhöfen und Parkanlagen, besuchen Golfplätze in Gatow, Campingplätze in Köpenick und sogar die Fußball-Trainingsplätze von Tennis Borussia und Hertha BSC. Ein paar Mal im Jahr legen Wildschweinrotten auf der Avus den Verkehr lahm.
[…]
Beeindruckend ihre Lernfähigkeit: An einer Schule in Wannsee warten Wildschweine vormittags auf die regelmäßig verteilten Pausenbrote der Kinder, aber immer nur montags bis freitags – nie am Wochenende. Sind die Sauen erst einmal im Garten, werden die Berliner sie nicht mehr so leicht los. Es helfen weder Bewegungsmelder; Blinkleuchten noch Vergrämungsmittel wie Stinköl, Billigparfüm oder Menschenhaare. Auch der Tipp, alte Socken an den Zaun zu hängen, belustigt höchstens die Nachbarn."

 
Wildschweine auf Kinderspielplatz Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schätzt, dass 4000 bis 8000 Wildschweine auf dem Berliner Stadtgebiet leben: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/forsten/wildtiere/de/wildschwein.shtml.

"Stadtjäger befreien Berlin von Wildschwein-Rotten […] Etwa 30 ehrenamtliche Stadtjäger sorgen in Berlin dafür, dass die Wildschweine im Stadtgebiet nicht überhand nehmen" (Berliner Morgenpost, 14. Dez. 2008)

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Charles Darwin, aus dem 17. Kapitel von "Reise eines Naturforschers um die Welt"

Die Furcht vor dem Menschen, ein erworbener Instinkt

"Ich will meine Beschreibung der Naturgeschichte dieser Inseln [Galápagos] damit beschließen, daß ich die außerordentliche Zahmheit der Vögel schildere.

Diese Eigentümlichkeit kommt allen auf dem Lande lebenden Arten zu […]. Sie alle kamen häufig hinreichend nahe, um mit einer Gerte und zuweilen, wie ich selbst versucht habe, mit einer Mütze oder einem Hute totgeschlagen zu werden. Eine Flinte ist hier beinahe überflüssig; denn einmal stieß ich mit dem Flintenlauf einen Falken vom Zweige eines Baumes herunter […]. Früher scheinen die Vögel sogar noch zahmer gewesen zu sein als jetzt […]. Es möchte scheinen, als ob die Vögel dieses Archipels, welche noch nicht gelernt haben, daß der Mensch ein gefährlicheres Tier ist als die Schildkröte oder der Amblyrhynchus [eine Echse], ihn völlig unbeachtet lassen, in derselben Art und Weise, wie in England scheue Vögel, so z. B. Elstern, die auf den Weiden grasenden Kühe und Pferde nicht beachten. Die Falkland-Inseln bieten ein zweites Beispiel von Vögeln mit ähnlichen Neigungen […].

Da die Vögel hier, wo Füchse, Falken und Eulen vorkommen, so zahm sind, so können wir schließen, daß das Fehlen aller Raubtiere auf den Galapagos-Inseln nicht die Ursache ihrer Zahmheit ist. Die Hochlandgans auf den Falkland-Inseln beweist durch die Vorsicht, mit welcher sie das Nest auf den kleinen, abliegenden Inseln baut, daß sie die ihr von den Füchsen drohende Gefahr wohl kennt: sie wird aber dadurch nicht gegen den Menschen wild gemacht. Diese Zahmheit der Vögel, besonders der Wasservögel, steht in sehr auffallendem Gegensatze zu der Lebensweise derselben Arten auf dem Feuerlande, wo sie schon seit langer Zeit von den wilden Einwohnern verfolgt worden sind […].

Aus diesen verschiedenen Tatsachen können wir, glaube ich, schließen, daß die Scheu der Vögel in bezug auf den Menschen ein eigentümlicher, besonders gegen ihn gerichteter Instinkt ist und nicht von irgendeinem allgemeinen, von anderen Quellen der Gefahr herrührenden Grad von Vorsicht abhängt."

Englischer Originaltext von 1845: "Journal of researches into the natural history and geology of the countries visited during the voyage of H.M.S. Beagle round the world, under the Command of Capt. Fitz Roy"

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Aus der Deutschen Tierärztlichen Wochenschrift, 98. Jahrgang (1991), S. 33-35

Vertreibung von Wild durch Freizeitgestaltung

Der Autor, Prof. Dr. Dr. Pohlmeyer, auch ein Wissenschaftler, damals Leiter des Instituts für Wildtierforschung an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, war auch viele Jahre Vorsitzender der Landesjägerschaft Niedersachsen (LJN). Das Institut ist zwar der TiHo angegliedert, wird aber hauptsächlich von einem Förderverein finanziert und betreibt Auftragsforschung für die LJN, das niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und andere Jagdinteressierte. In der Mitgliederliste des Fördervereins findet man so erlauchte Namen wie Lorenz Bahlsen Snack-World Holding, Rheinmetall AG, PEMA Kraftfahrzeug-Handels GmbH, die LJN, die Jägerschaft Osnabrück-Stadt und eine Reihe von prominenten Jägern.

Prof. Dr. Dr. Pohlmeyer beginnt mit einer Schreckensmeldung: Eine Menschenlawine überrollt die Natur!

Es sei viel zu wenig bekannt, "daß z. B. an jedem Wochenende annähernd 40 Millionen Bundesbürger in Wald und Flur Erholung vom Streß der Großstädte suchen und der deutsche Wald jährlich 1,2 Milliarden Besucher zählt. Letzteres bedeutet rein rechnerisch, daß jeder Hektar Waldfläche von 168 Menschen pro anno betreten wird." (S. 33)
"Rein rechnerisch" bedeutet das, dass 1 Hektar Wald etwa alle 2 Tage von 1 Mensch betreten wird. Na und?

Weiter berichtet der Prof. von einer Zunahme der Abenteuersporttouristen wie "Nachtmarschierer, Winterbiwakierer, Mountainbiker, Überlebenstraining Betreibende etc."  (S. 34) Von einer Zunahme der Abenteuersportart Jagd und des Jagdtourismus hat der Afrikajäger (Namibia, Sambia) dagegen noch nie gehört.

"Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung der Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie sind allein 112 Pflanzenarten infolge des Erholungs- und Ferienreiseverkehrs akut bedroht. Als Ursache hierfür sind neben dem Sammeln dieser Pflanzen in erster Linie Zerstörung durch Tritt, Lagern, Zelten, Wassersport, Wintersport und Reiten zu nennen." (ebd.)
Jäger dagegen schweben durchs Revier oder benutzen solide Fahrzeuge statt Pferden, bauen weder Zelte noch Hochsitze, zerstören keine natürliche Vegetation zu Gunsten von Wildäckern und Futterplätzen …

Ständig hat man uns weisgemacht, dass Industrie, Land- und Forstwirtschaft (saurer Regen, Schwermetalle, Dioxin, DDT, PCB, PCP, Lindan, Furan, Atrazin, Dieldrin, TBT, PBDE, DEHP, DBP, BBP usw.) am Aussterben von über tausend Pflanzenarten Schuld seien – alles nur Peanuts! Auch Frau Dr. Merkel muss geirrt haben, als ihr Umweltbundesamt 1998 feststellte: "Hauptverursacher für den Artenrückgang sind Land- und Forstwirtschaft." Und wenn die zunehmende Freizeit ("Freizeitpark Deutschland", Dr. Helmut Kohl) zum Aussterben von 112 Pflanzenarten führen wird, dann natürlich auch zum Aussterben von x Tierarten.

Am Beispiel des Rotwildes bringt der Prof. seine Argumente auf den Punkt:

"Sichern und Flüchten sind die wichtigsten Handlungen des Feindverhaltens beim Rotwild. Schon allein der wahrgenommene menschliche Geruch reicht aus, diese Wildart tagtäglich stundenlang sichern zu lassen. Abgesehen von der enormen Zeit, die hierdurch für die Nahrungsaufnahme verlorengeht, resultiert aus dieser durch einen in den meisten Fällen 'unechten Feinddruck' ausgelösten künstlich überhöhten Fluchtbereitschaft beim Rotwild eine an Überforderung grenzende Belastung und damit ein tierschutzrelevanter Zustand." (ebd.)
Aha: Spazierengehen im Wald = fast eine Tierquälerei!
"Störungen des Rotwildes im Winter wirken sich besonders schwerwiegend aus. Nach BARTH führen menschliche Störungen – wenn auch ungewollt – in schneereicher Notzeit zum Tatbestand der Tierquälerei." (S. 35)
Aha: Spazierengehen im verschneiten Wald = vollendete Tierquälerei!

Aber Skilaufen im Wald = grausamste Tierquälerei!

"Bei Kenntnis dieses Sachverhalts ist es erklärlich, daß besonders in Skilanglaufgebieten mit einem höheren Prozentsatz von querwaldeinlaufenden Individualisten immer wieder völlig abgekommene, apathische, zu keiner Fluchtreaktion mehr fähige Stücke angetroffen werden, die nur [!] noch eine gut gezielte Kugel von ihrem Leiden erlösen kann." (ebd.)
Nun tauchen die echten, querwaldeinlaufenden Feinde des Rotwildes auf – in ihrer wahren Rolle als barmherzige Samariter:

Ihre Medizin heißt Blei!

Der Prof. ist gelernter Tierarzt.

Nds. Landesjagdbericht 2005, S. 18
Waidmannsheil, Prof. Dr. Dr. Pohlmeyer!

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Man kann diesen wissenschaftlich fundierten Quark immer weiter breit treten. Ich habe mir den Scherz erlaubt, eine Pressemitteilung des Deutschen Jagdschutz-Verbandes, abgedruckt in der Celleschen Zeitung vom 11.11.2000 (sic), zu fälschen und dem Original gegenüber zu stellen. Die Intelligenz des Profs. wird ausreichen, den Schwindel zu durchschauen.

Original oder Fälschung?

Wild nicht stressen Wild nicht stressen

Jagdsport nur mit Rücksicht auf Natur

Luftsport nur mit Rücksicht auf Natur

BONN (cz). Jagdsportarten wie Ansitz- und Treibjagden oder Geländewagenfahren, die sich in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreuen, können zu starken  Beeinträchtigungen wild lebender Tiere führen. Darauf weist der Deutsche Jagdschutz-Verband (DJV) in Bonn hin und appelliert an alle Jagdsportbegeisterte, ihr Hobby möglichst naturverträglich auszuüben. BONN (cz). Luftsportarten wie Drachen- und Gleitschirmfliegen oder Ballonfahren, die sich in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreuen, können zu starken  Beeinträchtigungen wild lebender Tiere führen. Darauf weist der Deutsche Jagdschutz-Verband (DJV) in Bonn hin und appelliert an alle Luftsportbegeisterte, ihr Hobby möglichst naturverträglich auszuüben.
Jagdsportler sind meist in den Morgen- und Abendstunden unterwegs, das heißt genau zu der Zeit, wenn Wildtiere zur Nahrungssuche die höchste Bewegungsaktivität zeigen: Gerade dann reagieren die Tiere besonders empfindlich auf Beunruhigungen in ihrem Lebensraum. Luftsportler sind meist in den Morgen- und Abendstunden unterwegs, das heißt genau zu der Zeit, wenn Wildtiere zur Nahrungssuche die höchste Bewegungsaktivität zeigen: Gerade dann reagieren die Tiere besonders empfindlich auf Beunruhigungen in ihrem Lebensraum.
Bei  Begegnungen  mit Jägern oder Kugeln flüchten die Tiere panikartig. Auslöser für das Verhalten der Tiere sind zum einen der Schattenwurf des Jägers, der mit einem Raubtier verwechselt wird oder Geräusche, wie Gespräche der Jäger, das Motorengeräusch des Geländewagens oder der Knall des Schusses. Die Wildtiere können die Richtung der Geräusche in der Regel nicht lokalisieren, und das bedeutet Stress. Erhebliche Unruhe verursachen auch die Kugeleinschläge und anschließenden Abholaktionen der Leichen mit Kraftfahrzeugen. Bei  Begegnungen  mit Drachen oder Ballons, die sich in geringer Höhe befinden, flüchten die Tiere panikartig. Auslöser für das Verhalten der Tiere sind zum einen der Schattenwurf des Luftsportgerätes, der mit einem Greifvogel verwechselt wird oder Geräusche, wie Gespräche der Besatzung, das Motorengeräusch oder das Betätigen des Ballon-Brenners. Die Wildtiere können die Richtung der Geräusche in der Regel nicht lokalisieren, und das bedeutet Stress. Erhebliche Unruhe verursachen auch die Landungen und anschließenden Abholaktionen mit Kraftfahrzeugen.
Jagdsportler sollten sich daher über die von ihnen bejagten beziehungsweise durchfahrenen Gebiete genau informieren und besonders sensible Naturräume meiden. Luftsportler sollten sich daher über die von ihnen überflogenen beziehungsweise überfahrenen Gebiete genau informieren und besonders sensible Naturräume meiden.
Vorsicht: Fälschung! Nur dieses ist echte Jägerpropaganda, einschließlich der Schreibfehler der CZ!

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Fortsetzung: Die Jäger schreiten zur Tat – Dokumente waidmännischer Arroganz

 


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Autor: Jürgen Andresen, 29331 Lachendorf, Dorfstr. 51, eMail: juergen.andresen(a)web.de

http://eti-veth.de/stoerung.htm
2010-10-14