oder
Im Juli war die Zeit "der Feriengäste in den Bädern Arenshoop, Prerow und Zingst, die meinen Förstern und mir das Leben sauer machten, indem sie, alle Verbote mißachtend, überall in den Wald liefen, das Wild – und vor allem die Adler beunruhigten und singend, Stullenpapier verstreuend und Feuerchen anbrennend herumzogen, höchst empört, wenn wir ihnen dann das Strafgeld bar abknöpften und sie anschließend des Waldes verwiesen." (S. 290)Mueller trug so dick auf, dass sogar der Oberbefehlshaber der Reichsluftwaffe und Reichsjägermeister Göring, der des öfteren auf dem Darß weilte, um Hirsche totzuschießen, Angst um seine Jagdgäste und sein Löwenbaby "Bubi" bekam, ein Geschenk des Leipziger Zoos, das ihn ständig begleitete. Es wurde ein professioneller Schlangenjäger herangeholt, der jedoch nur eine einzige Kreuzotter fand (S. 328f)."Die allzu vielen und geräuschvollen Fremden, die in jedem Sommer als Kurgäste nach Arenshoop, Zingst und Prerow kamen und rückichtslos die Ruhe des Waldes störten, das Wild vergrämten und besonders durch ihre Neugier das Brutgeschäft der seltenen Adler gefährdeten, waren uns ein Dorn im Auge, und ich versuchte, jung und unduldsam wie ich war, sie mit allen Mitteln aus dem Walde zu halten.
Was, dachte ich, würde sie am sichersten vertreiben? Verbote? Kaum. Warnungen? Ebensowenig. Und dann verfiel ich auf das Richtige. Ich schrieb über den Darß, ich, der ortsansässige Forstmeister, dem man wohl glauben mußte. Und ich schrieb von den Schönheiten der verlandeten Seen mit Erlen, Schilf und Rohr und den achtzig Zentimeter hohen Bulten, den Kaupen, auf denen die Kreuzottern – 'die fetten', schrieb ich, 'die fetten Kreuzottern' – in der Sonne brieten, kaum sichtbar dem ungeübten Auge, aber blitzschnell zustoßend, wenn sie sich bedroht fühlten. Und nichts war bekanntlich nervöser und unberechenbarer als Kreuzottern!
Besonders für Kinder, schrieb ich weiter, seien Kreuzottern, von denen der Darßer Forst wimmle, gefährlich. Wenn man es genau nehmen wolle, seien sie n u r für Kinder wirklich gefährlich, weil Erwachsene meist mit dem Leben davonkämen, wenn sie rechtzeitig genügend Alkohol einnähmen, die Wunde ausbrennten oder zur Zeit einen Arzt fänden…
Der Landrat, obwohl sonst mein Freund, tobte.
Darauf schrieb ich etwas Beruhigendes über den Rückgang der Kreuzottern in Preußen. Und ließ eine Notiz folgen, wonach auf dem Darß im letzten Jahre an Kreuzotternprämien nur noch tausend Mark bezahlt worden seien, fünfzig Pfennig pro Stück.
Und veröffentlichte kurz darauf einen Artikel in einer billigen, aber vielgelesenen Wochenschrift über die Schönheiten des Darß, die nur leider ab Anfang Juli durch Mückenplage, Kreuzottern und das Auftreten der leider unausrottbaren schwarzen Höhlennatter ein wenig eingeschränkt würden.
Fritzing, mein Landrat, rief an, fuchsteufelswild: 'Wollen Sie für die Witwen und Waisen zahlen?' schrie er.
Ich sagte, daß ich das nicht wollte; es handele sich um ein Mißverständnis, wahrscheinlich in der Setzerei, und ich würde eine Berichtigung verlangen.
Worauf ich die Höhlennatter zurücknahm, den Kreuzottern statt dessen einige pikante Lichter mehr aufsetzte und im übrigen die 'blutdürstigen Moskitos' in glühenden Farben schilderte, wie sie, ähnlich denen in den Tropen, die die gefährliche Malariaseuche verbreiteten, zu Millionen aus den feuchten Gründen der Bruchs, der Moorniederungen und Röhrichte aufstiegen…
Mochte sich Fritzing Landrat auf den Kopf stellen –, es bewahrheitete sich wieder einmal der Satz, daß nichts den Wald besser schützt als die Furcht: in diesem Sommer hatte ich wenig Fremdenärger." (S. 308-310)
Als Jäger befürwortete Göring Muellers Vorhaben, einen Teil des Darß unter Naturschutz zu stellen, in dem er sich dann ein "Jagdpalästchen" bauen ließ; als Oberbefehlshaber der Reichsluftwaffe ordnete er jedoch auch an, neben dem Naturschutzgebiet einen Bombenabwurfplatz einzurichten, obwohl er sich zugleich Sorgen um "seine" Hirsche machte.
Fazit:"Mit den Soldaten kam die Unruhe zu uns in die Einöde, mit den Flugzeugen der Lärm, der Donner und das Heulen ihrer Motore und der dumpfe Krach der Bombendetonationen. Das Wild nahm, wie ich es bereits vorausgesagt hatte, von dem Treiben wenig Notiz; es merkte rasch, daß die großen metallenen Vögel, die über die Wipfel brausten, ihm nichts antaten, und ließ sich nicht stören. Ja, so sehr gewöhnte sich meine menschenfremde Tierwelt an das laute Treiben, daß ein Adlerpaar ganz nahe an der Bombenschneise in einer hohen Kiefer horstete und sich weder durch Motorenlärm noch durch Bombenkrachen in seinen Brutgeschäften stören ließ." (S. 337)
Bomben: harmlos!
Stullenpapier: unerträglich!
Das Buch über Muellers Leben und Wirken – Wolfgang Frank, Verklungen Horn und Geläut, Eine Familienchronik, Oldenburg und Hamburg, 7. überarbeitete Aufl. 1969 – ist in vielerlei Hinsicht aufschlussreich. So erzählt er von seinen wohlerzogenen Jagdhunden, die nachts häufig allein im Wald unterwegs waren und erst morgens zur Fütterung zum Forsthaus zurückkehrten.
Wenn Mueller mit Freunden, echten Pommerschen Gutsherren, ausritt, sah das so aus:
"Wie unvergeßlich waren unsere Mai-Ritte! Im Mai sind die Kulturarbeiten getan; die Jagd ruht; es ist wenig zu tun. Dann lud ich meine Freunde und werten Nachbarn zum Reiten ein, die Langens, Herbert Trautvetter und diesen oder jenen andern guten Reiter, und wir ritten hinauf zum nördlichsten Darß, dorthin, wo gerade erst die jungen Bäume sich selbst angesät hatten. Dort hatten wir Platz, dreitausend Meter Strand und Düne, ein paar Hindernisse, ein paar Gruben, ein paar Riffe – heute noch, nach fünfundzwanzig Jahren, sehe ich den Absprung vor mir, höre ich v. Langens Stimme, wie er sich im Sattel wendet und seiner Frau zuruft: 'Mimusch, wie wird dir?!', und schon braust die wilde Jagd weiter, dumpfer Hufschlag auf Sand und Waldboden, schnaubende Nüstern, knirschendes Leder –, und hinein ins hoch aufspritzende Wasser, kniehoch, dann über die Gurte, so daß man die Beine anzog, und wieder flacher, weiter, weiter in weißen und funkelnden Kaskaden, den Strand entlang, durch die Bestände, die Schneisen und Gestelle; es war ein einziger Rausch – unvergeßlich!" (S. 286)Mueller erzählt auch von prominenten Jagdgästen, die unbedingt einen Hirsch totschießen wollten, obwohl sie immer nur vorbeischossen. Man stellte ihnen einen guten Schützen zur Seite und behauptete, dieser habe vorbeigeschossen. Mancher glaubte das sogar, und wenn nicht, wars auch nicht schlimm: Nach außen halten die Jäger zusammen! (S. 279-281)
Gleiches erzählt Paul Parin in seinem Buch "Die Leidenschaft des Jägers" (Europäische Verlagsanstalt 2003) im Kapitel "Der Oberst schießt Rebhühner". Herr Oberst war als Bezirkshauptmann im Slowenien der Zwanziger und Dreißiger Jahre "mit jeder Art diktatorischer Macht ausgestattet und konnte jeden missliebigen Bürger in kürzester Zeit in den Ruin treiben."
Also lud Parins Vater, ein Gutspächter, Herrn Oberst mehrmals zur Jagd ein, um sich dessen Wohlwollen zu sichern. Das Problem: Herr Oberst "war extrem kurzsichtig" und schoss einfach nur irgendwohin. Es war die Aufgabe des jungen Parin, Rebhühner zu erschießen und Herrn Oberst als dessen Jagdbeute zu präsentieren. Herr Oberst "war überglücklich".
oder Fortsetzung:
Auch ein Erbe der Nazizeit: Rekordhirsche in Hamburg-Duvenstedt
http://eti-veth.de/jaegerterror1936.htm
2008-08-05